Deutsch­land und die Stickstoffdioxid-Grenzwerte

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat fest­ge­stellt, dass Deutsch­land dadurch gegen die Richt­li­nie 2008/​50/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 21. Mai 2008 über Luft­qua­li­tät und sau­be­re Luft für Euro­pa[1] ver­sto­ßen hat, dass der Jah­res­grenz­wert für Stick­stoff­di­oxid (NO2) in 26 der 89 beur­teil­ten Gebie­te und Bal­lungs­räu­me in den Jah­ren 2010 bis ein­schließ­lich 2016 sys­te­ma­tisch und anhal­tend über­schrit­ten wurde.

Deutsch­land und die Stickstoffdioxid-Grenzwerte

Die­se Richt­li­nie sieht für Stick­stoff­di­oxid (NO2) ab dem 1. Janu­ar 2010 Grenz­wer­te von 40 µg/​m³ im Jah­res­mit­tel und von 200 μg/​m 3 im Stun­den­mit­tel vor. Der letzt­ge­nann­te Wert darf nicht öfter als 18-mal im Kalen­der­jahr über­schrit­ten wer­den. Die von Deutsch­land für das Jahr 2016 gemel­de­ten Wer­te lagen in allen 26 Gebie­ten zwi­schen 2,5 % und 105 % über dem Jah­res­grenz­wert von 40 µg/​m³. In 16 Gebie­ten lagen die NO2 ‑Kon­zen­tra­tio­nen in der Luft um 25 % oder mehr dar­über, in sie­ben Gebie­ten sogar um 50 % oder mehr. In man­chen Jah­ren wur­de der Grenz­wert in einer Rei­he die­ser Gebie­te (so im Bal­lungs­raum Stutt­gart in den Jah­ren 2010 und 2011 und im Bal­lungs­raum Mün­chen im Jahr 2010) um etwa 150 % überschritten.

Bei den betrof­fe­nen Regio­nen han­delt sich um den Bal­lungs­raum Ber­lin, den Bal­lungs­raum und den Regie­rungs­be­zirk Stutt­gart, den Regie­rungs­be­zirk Tübin­gen, den Bal­lungs­raum Frei­burg, den Regie­rungs­be­zirk Karls­ru­he (ohne Bal­lungs­räu­me), den Bal­lungs­raum Mannheim/​Heidelberg, den Bal­lungs­raum Mün­chen, den Bal­lungs­raum Nürnberg/​Fürth/​Erlangen, das Gebiet III Mit­tel- und Nord­hes­sen, den Bal­lungs­raum I Rhein-Main, den Bal­lungs­raum II Kas­sel, den Bal­lungs­raum Ham­burg, Gre­ven­broich (Rhei­ni­sches Braun­koh­le­re­vier), Köln, Düs­sel­dorf, Essen, Duisburg/​Oberhausen/​Mülheim, Hagen, Dort­mund, Wup­per­tal, Aachen, die urba­nen Berei­che und den länd­li­chen Raum im Land Nord­rhein-West­fa­len, Mainz, Worms/​Frankenthal/​Ludwigshafen und Koblenz/​Neuwied.

Zudem hat Deutsch­land nach dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on dadurch gegen die Richt­li­nie ver­sto­ßen, dass der Stun­den­grenz­wert für NO2 in zwei Gebie­ten, und zwar im Bal­lungs­raum Stutt­gart und im Bal­lungs­raum I Rhein-Main, sys­te­ma­tisch und anhal­tend über­schrit­ten wur­de. Im Bal­lungs­raum Stutt­gart und im Bal­lungs­raum I Rhein-Main wur­de bei dem Stun­den­grenz­wert von 200 μg/​m 3 die zuläs­si­ge Zahl von 18 Tagen pro Kalen­der­jahr von 2010 bis ein­schließ­lich 2016 in jedem Jahr um min­des­tens 50 % über­schrit­ten, denn die Zahl der Über­schrei­tun­gen die­ses Werts lag zwi­schen 28 und 183 Tagen pro Jahr, wenn auch mit einer gewis­sen rück­läu­fi­gen Ten­denz wäh­rend die­ses Zeitraums.

Über­dies hat Deutsch­land dadurch gegen sei­ne Ver­pflich­tun­gen aus der Richt­li­nie und ins­be­son­de­re gegen die Ver­pflich­tung, dafür zu sor­gen, dass die Luft­qua­li­täts­plä­ne geeig­ne­te Maß­nah­men vor­se­hen, damit der Zeit­raum der Nicht­ein­hal­tung der Grenz­wer­te so kurz wie mög­lich gehal­ten wird, ver­sto­ßen, dass kei­ne geeig­ne­ten Maß­nah­men ergrif­fen wur­den, um ab dem 11. Juni 2010 in allen Gebie­ten die Ein­hal­tung der Grenz­wer­te für NO2 zu gewährleisten.

Daher hat der Uni­ons­ge­richts­hof der Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on für den Zeit­raum 2010 bis 2016 in vol­lem Umfang statt­ge­ge­ben. Das hier ent­schie­de­ne Kla­ge­ver­fah­ren betrifft nur die Jah­re 2010 bis 2016, nicht die Fol­ge­jah­re 2017 und 2018, für die Deutsch­land gel­tend gemacht hat, dass die frag­li­chen Grenz­wer­te ein­ge­hal­ten wor­den seien.

Eine sol­che Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge, die sich gegen einen Mit­glied­staat rich­tet, der gegen sei­ne Ver­pflich­tun­gen aus dem Uni­ons­recht ver­sto­ßen hat, kann von der Kom­mis­si­on oder einem ande­ren Mit­glied­staat erho­ben wer­den. Stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Ver­trags­ver­let­zung fest, hat der betref­fen­de Mit­glied­staat dem Urteil unver­züg­lich nach­zu­kom­men. Ist die Kom­mis­si­on der Auf­fas­sung, dass der Mit­glied­staat dem Urteil nicht nach­ge­kom­men ist, kann sie erneut kla­gen und finan­zi­el­le Sank­tio­nen gegen den reni­ten­ten Mit­glieds­staat bean­tra­gen. Hat ein Mit­glied­staat der Kom­mis­si­on die Maß­nah­men zur Umset­zung einer Richt­li­nie nicht mit­ge­teilt, kann der Uni­ons­ge­richts­hof auf Vor­schlag der Kom­mis­si­on jedoch bereits mit dem ers­ten Urteil Sank­tio­nen verhängen.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ins­be­son­de­re das Vor­brin­gen Deutsch­lands zurück, dass die Über­schrei­tun­gen der Grenz­wer­te für NO2 maß­geb­lich auf eige­ne Ver­säum­nis­se der Kom­mis­si­on zurück­zu­füh­ren sei­en, da sie sich hin­sicht­lich eines Vor­schlags für wirk­sa­me Rechts­vor­schrif­ten zur Begren­zung der Emis­sio­nen die­ses Schad­stoffs durch Die­sel­fahr­zeu­ge nach­läs­sig gezeigt habe. Deutsch­land hat hin­zu­ge­fügt, als beson­ders pro­ble­ma­tisch im Hin­blick auf die Ein­hal­tung der in der Richt­li­nie über Luft­qua­li­tät fest­ge­leg­ten Grenz­wer­te für NO2 hät­ten sich Die­sel­fahr­zeu­ge der Norm „Euro 5“ erwiesen.

Der Uni­ons­ge­richts­hof weist inso­weit dar­auf hin, dass – abge­se­hen davon, dass Kraft­fahr­zeu­ge, die den auf Uni­ons­ebe­ne auf­ge­stell­ten Vor­schrif­ten unter­lie­gen, nicht die allei­ni­ge und ein­zi­ge Ursa­che von NO2 ‑Emis­sio­nen sind – die für die Typ­ge­neh­mi­gung von Kraft­fahr­zeu­gen gel­ten­de Uni­ons­re­ge­lung die Mit­glied­staa­ten nicht von ihrer Ver­pflich­tung zur Ein­hal­tung der in der Richt­li­nie fest­ge­leg­ten Grenz­wer­te befrei­en kann.

Der Umstand, dass ein Mit­glied­staat die in der Richt­li­nie fest­ge­leg­ten Grenz­wer­te für NO2 über­schrei­tet, ist aller­dings für sich allein nicht aus­rei­chend, um fest­zu­stel­len, dass die­ser Mit­glied­staat auch gegen sei­ne Ver­pflich­tung ver­sto­ßen hat, dafür zu sor­gen, dass der Zeit­raum der Nicht­ein­hal­tung der für den betref­fen­den Schad­stoff fest­ge­leg­ten Grenz­wer­te so kurz wie mög­lich gehal­ten wird.

Wie sich aus einer detail­lier­ten Prü­fung der Akte ergibt, hat Deutsch­land jedoch offen­kun­dig nicht recht­zei­tig geeig­ne­te Maß­nah­men getrof­fen, damit der Zeit­raum der Nicht­ein­hal­tung der Grenz­wer­te für NO2 in den 26 in Rede ste­hen­den Gebie­ten so kurz wie mög­lich gehal­ten wird.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 3. Juni 2021 – C ‑635/​18

  1. ABl. 2008, L 152, S. 1[]