Öko­lo­gi­sche Flu­tun­gen – und der Hoch­was­ser­schutz

Öko­lo­gi­sche Flu­tun­gen kön­nen Ver­mei­dungs­maß­nah­men im Sin­ne des § 15 Abs. 1 BNatSchG gegen­über Beein­träch­ti­gun­gen von Natur und Land­schaft durch die Hoch­was­ser­rück­hal­tung und gleich­zei­tig Ersatz­maß­nah­men im Sin­ne des § 15 Abs. 2 BNatSchG für die durch sie selbst bewirk­ten Ein­grif­fe sein.

Öko­lo­gi­sche Flu­tun­gen – und der Hoch­was­ser­schutz

Die Fra­ge, ob Öko­lo­gi­sche Flu­tun­gen Ver­mei­dungs­maß­nah­men im Sin­ne des § 19 Abs. 1 BNatSchG 2007 bzw. § 15 Abs. 1 BNatSchG 2010 sein kön­nen, stellt sich auch dann, wenn sie zugleich als Ein­grif­fe in Natur und Land­schaft zu qua­li­fi­zie­ren sind. Dass die Vor­in­stan­zen Öko­lo­gi­sche Flu­tun­gen zu Recht als Ver­mei­dungs­maß­nah­men aner­kannt haben, unter­liegt jedoch kei­nen Zwei­feln, die erst in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren aus­ge­räumt wer­den könn­ten. Gemäß § 15 Abs. 1 Satz 2 BNatSchG 2010 sind Beein­träch­ti­gun­gen ver­meid­bar, wenn zumut­ba­re Alter­na­ti­ven, den mit dem Ein­griff ver­folg­ten Zweck am glei­chen Ort ohne oder mit gerin­ge­ren Beein­träch­ti­gun­gen von Natur und Land­schaft zu errei­chen, gege­ben sind. Das Ver­mei­dungs­ge­bot ver­pflich­tet den Ver­ur­sa­cher, in allen Pla­nungs- und Rea­li­sie­rungs­pha­sen dafür Sor­ge zu tra­gen, dass Vor­ha­ben so umwelt­scho­nend wie mög­lich umge­setzt wer­den [1]. Das Ver­mei­dungs­ge­bot zielt nicht auf die Ver­mei­dung des Ein­griffs, son­dern der mit ihm ver­bun­de­nen nach­tei­li­gen Fol­gen [2]. In Betracht kommt nicht nur schlich­tes Unter­las­sen bestimm­ter Maß­nah­men; auch die Durch­füh­rung zusätz­li­cher Maß­nah­men kann zur Scha­dens­ver­mei­dung gebo­ten sein [3]. Wie die mit dem Ein­griff ver­bun­de­nen Beein­träch­ti­gun­gen ver­mie­den wer­den kön­nen, hängt maß­ge­bend davon ab, auf wel­chen Wirk­pfa­den das Vor­ha­ben Natur und Land­schaft beein­träch­tigt.

Reten­ti­ons­flu­tun­gen, die durch den Bau eines Hoch­was­ser­rück­hal­te­raums ermög­licht wer­den, füh­ren wie­der­keh­rend und wegen ihrer rela­ti­ven Sel­ten­heit immer wie­der neu zu Beein­träch­ti­gun­gen von Natur und Land­schaft. Nach dem Kon­zept der Öko­lo­gi­schen Flu­tun­gen sol­len die­se Beein­träch­ti­gun­gen soweit wie mög­lich ver­min­dert wer­den, indem die betrof­fe­ne Flo­ra und Fau­na an die bei Hoch­was­ser­rück­hal­tung auf­tre­ten­den Über­flu­tun­gen so ange­passt wird, dass sich über­flu­tungs­to­le­ran­te Gemein­schaf­ten eta­blie­ren. Öko­lo­gi­sche Flu­tun­gen sol­len also Beein­träch­ti­gun­gen ver­mei­den, die im Fall unvor­be­rei­te­ter Reten­ti­ons­flu­tun­gen ein­tre­ten wür­den. In Bezug auf die­se Beein­träch­ti­gun­gen wir­ken sie ver­hin­dernd und nicht wie­der­gut­ma­chend [4]. Dadurch unter­schei­den sie sich von Aus­gleichs- und Ersatz­maß­nah­men, die auf einer zwei­ten Stu­fe nicht ver­meid­ba­re Beein­träch­ti­gun­gen kom­pen­sie­ren sol­len. Die Aner­ken­nung von Öko­lo­gi­schen Flu­tun­gen als Ver­mei­dungs­maß­nah­men wider­spricht auch nicht dem Zweck des Ver­mei­dungs­ge­bots. Das Ver­mei­dungs­ge­bot hat im Rah­men der Ein­griffs­re­ge­lung die Auf­ga­be, den sta­tus quo der gege­be­nen Situa­ti­on zu erhal­ten [5]. Öko­lo­gi­sche Flu­tun­gen sol­len zwar zu einer Anpas­sung von Natur und Land­schaft an Über­flu­tun­gen füh­ren; wenn das gelun­gen ist, soll aber im Fall eines Ein­griffs durch eine Reten­ti­ons­flu­tung der im Zeit­punkt die­ses Ein­griffs bestehen­de sta­tus quo in sei­ner natür­li­chen Dyna­mik erhal­ten wer­den. Es trifft auch nicht zu, dass durch Öko­lo­gi­sche Flu­tun­gen nur die Natur an den Ein­griff, nicht aber der Ein­griff an die Natur ange­passt wer­de. Die Öko­lo­gi­schen Flu­tun­gen tre­ten – mög­lichst zeit­lich vor­lau­fend – zu den Reten­ti­ons­flu­tun­gen hin­zu; inso­weit ver­än­dern sie bereits den Ein­griff.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 19. Sep­tem­ber 2014 – 7 B 6.2014 -

  1. BT-Drs. 16/​12274 S. 57[]
  2. BVerwG, Urtei­le vom 07.03.1997 – 4 C 10.96, BVerw­GE 104, 144, 149 f. = Buch­holz 406.401 § 8 BNatSchG Nr. 21 S.19 f.; und vom 16.12 2004 – 4 A 11.04, Buch­holz 406.400 § 19 BNatSchG 2002 Nr. 1 S. 3 16; Gel­ler­mann, in: Landmann/​Rohmer, Umwelt­recht Band II, § 15 BNatSchG Rn. 4; Koch, in: Schla­cke, GK-BNatSchG, § 15 Rn. 5; Lüt­kes, in: Lütkes/​Ewer, BNatSchG, § 15 Rn. 7[]
  3. Gel­ler­mann, a.a.O. Rn. 4[]
  4. vgl. Sparwasser/​Wöckel, NVwZ 2007, 764, 769[]
  5. BVerwG, Urteil vom 16.12 2004 a.a.O. Rn. 21[]