Unzu­läs­si­ge Stra­ßen­pla­nung im fak­ti­schen Vogelschutzgebiet

Eine unzu­läs­si­ge Stra­ßen­pla­nung im fak­ti­schen Vogel­schutz­ge­biet wird nicht durch eine nach­träg­li­che Gebiets­mel­dung „geheilt“.

Unzu­läs­si­ge Stra­ßen­pla­nung im fak­ti­schen Vogelschutzgebiet

Ein Bebau­ungs­plan für eine Orts­um­ge­hungs­stra­ße, der die Stra­ßen­tras­se in einem fak­ti­schen Vogel­schutz­ge­biet fest­setzt und damit gegen das Beein­träch­ti­gungs­ver­bot der euro­päi­schen Vogel­schutz­richt­li­nie (V‑RL) ver­stößt, wird nicht dadurch nach­träg­lich „geheilt“ wird, dass das Land nach Abschluss der Pla­nung ein Vogel­schutz­ge­biet an die EU-Kom­mis­si­on mel­det, das an die Stra­ßen­tras­se her­an­reicht, die­se aber nicht in das Schutz­ge­biet einbezieht.

Gegen­stand des jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Nor­men­kon­troll­ver­fah­rens ist der Bebau­ungs­plan Nr. 67 „Kom­mu­na­le Ent­las­tungs­stra­ße Ben­s­er­siel“ der Stadt Esens. Der Antrag­stel­ler ist Eigen­tü­mer einer land­wirt­schaft­li­chen Hof­s­tel­le im Wes­ten von Esens mit etwa 70 ha zusam­men­hän­gen­der, bis­lang ver­pach­te­ter land­wirt­schaft­li­cher Flä­che, die durch die mitt­ler­wei­le fer­tig gestell­te Umge­hungs­stra­ße durch­schnit­ten wird.

Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt[1] hat­te den Nor­men­kon­troll­an­trag des Antrag­stel­lers abge­lehnt, weil die „an sich“ unzu­läs­si­ge Pla­nung durch die Gebiets­nach­mel­dung „nach­träg­lich als von vorn­her­ein plau­si­bel bestä­tigt“ wor­den sei. Auf die Beschwer­de des Antrag­stel­lers hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Revi­si­on wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung zuge­las­sen. Den mit dem Bebau­ungs­plan Nr. 67 im Wesent­li­chen inhalts­glei­chen Nach­fol­ge-Bebau­ungs­­­plan Nr. 72 hat das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt mitt­ler­wei­le für unwirk­sam erklärt, weil das nach­ge­mel­de­te Vogel­schutz­ge­biet in fach­lich unver­tret­ba­rer Wei­se abge­grenzt wor­den sei. Die­ses Urteil ist rechtskräftig.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Mög­lich­keit einer nach­träg­li­chen „Hei­lung“ des Bebau­ungs­plans Nr. 67 ver­neint. Fak­ti­sche Vogel­schutz­ge­bie­te umfas­sen Lebens­räu­me und Habi­ta­te, die für sich betrach­tet in signi­fi­kan­ter Wei­se zur Art­erhal­tung in dem betref­fen­den Mit­glied­staat bei­tra­gen und damit zum Kreis der im Sin­ne des Art. 4 der V‑RL „geeig­nets­ten“ und als Schutz­ge­bie­te aus­zu­wei­sen­den Gebie­te gehö­ren. Bei der Abgren­zung fak­ti­scher Vogel­schutz­ge­bie­te sind die sog. IBA-Ver­zeich­nis­se (Important Bird Areas/​Bedeutende Vogel­schutz­ge­bie­te) ein bedeut­sa­mes Erkennt­nis­mit­tel. Ihre Indi­zwir­kung kann nur ent­kräf­tet wer­den, wenn der Mit­glied­staat wis­sen­schaft­li­che Bewei­se dafür vor­legt, dass die Ver­pflich­tun­gen aus der V‑RL durch ande­re als die in die­sem Ver­zeich­nis auf­ge­führ­ten Gebie­te erfüllt wer­den kön­nen. Mit der Nach­mel­dung eines Gebiets, des­sen Abgren­zung bereits dann nicht zu bean­stan­den ist, wenn sie fach­wis­sen­schaft­lich „ver­tret­bar“ ist, ist die­ser Gegen­be­weis nicht erbracht. Der Bebau­ungs­plan Nr. 67 „Kom­mu­na­le Ent­las­tungs­stra­ße Ben­s­er­siel“ der Stadt Esens ist daher unwirksam.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. März 2014 – 4 CN 3.2013 -

  1. Nds. OVG, Urteil vom 22.05.2008 – 1 KN 149/​05[]