Dicht­heits­prü­fung für Abwasserrohre

Die Gemein­de bzw. ihr Abwas­ser­be­trieb kann von einem Grund­stücks­ei­gen­tü­mer eine Dicht­heits­prü­fung für die Anschluss­roh­re an den Abwas­ser­ka­nal ver­lan­gen, um zu ver­hin­dern, dass Abwas­ser aus den undich­ten Roh­ren in das Erd­reich aus­tritt. Aber darf dies auch ver­langt wer­den, um zu ver­hin­dern, dass PFT-belas­te­tes Grund­was­ser in die Kana­li­sa­ti­on gelan­gen? Nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Arns­berg jeden­falls nicht:

Dicht­heits­prü­fung für Abwasserrohre

Umwelt­schä­den, die im Zusam­men­hang mit dem Auf­brin­gen PFT-belas­te­ter Indus­trie­ab­fäl­le auf land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­chen in Bri­lon-Schar­fen­berg ste­hen, beschäf­ti­gen wie­der ein­mal das Ver­wal­tungs­ge­richt Arns­berg. In einem Eil­ver­fah­ren hat das Ver­wal­tungs­ge­richt einer Antrag­stel­le­rin Recht gege­ben, von der die Stadt­wer­ke Bri­lon ver­langt hat­ten, die Dicht­heit der Abwas­ser­lei­tun­gen auf ihrem Grund­stück prü­fen zu las­sen. Hin­ter­grund sind geo­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen, nach denen Was­ser aus den mit per­flu­o­rier­ten Ten­si­den (PFT) belas­te­ten Fel­dern das dort instal­lier­te Drai­na­ge­sys­tem unter­strömt und in das Kanal­netz der Stadt Bri­lon gelangt.

Die Stadt­wer­ke Bri­lon hat­ten von der Klä­ge­rin ver­langt, die Dicht­heit der Abwas­ser­lei­tun­gen auf ihrem Grund­stück durch eine Beschei­ni­gung eines Sach­ver­stän­di­gen nach­zu­wei­sen bzw. eine ent­spre­chen­de Prü­fung vor­zu­neh­men, und ein Zwangs­geld von 500 EUR ange­droht. Das dar­auf­hin ein­ge­lei­te­te Kla­ge­ver­fah­ren ist noch nicht abge­schlos­sen. Im Eil­ver­fah­ren hat das Gericht jetzt zuguns­ten der Klä­ge­rin ent­schie­den, sie braucht der Auf­for­de­rung vor­läu­fig nicht nachzukommen.

In sei­nem äußert das Ver­wal­tungs­ge­richt Beden­ken gegen die Recht­mä­ßig­keit der Ord­nungs­ver­fü­gung: Einer der Fäl­le, in denen die Gemein­den berech­tigt sei­en, Dicht­heits­prü­fun­gen von Abwas­ser­an­la­gen zu ver­lan­gen, sei hier nicht gege­ben. Es gehe nicht dar­um, Boden und Was­ser vor Ver­schmut­zun­gen durch Abwas­ser zu schüt­zen, das aus einer undich­ten Lei­tung aus­tre­te. Viel­mehr sol­le ver­hin­dert wer­den, dass Schmutz­was­ser durch Was­ser­zu­fluss wei­te­re Ver­schmut­zun­gen erfah­re. Auf eine sol­che Kon­stel­la­ti­on sei­en die von den Stadt­wer­ken her­an­ge­zo­ge­nen Vor­schrif­ten nicht anzuwenden.

Im Übri­gen sei die Antrag­stel­le­rin für die Gefah­ren­la­ge auch nicht ver­ant­wort­lich. Die Gefah­ren sei­en unmit­tel­bar durch das Auf­brin­gen von Che­mi­ka­li­en auf den land­wirt­schaft­li­chen Fel­dern her­bei­ge­führt wor­den. Von die­sen belas­te­ten Flä­chen und nicht vom Grund­stück der Klä­ge­rin gehe die Gefahr für die Klär­an­la­ge und für die Trink­was­ser­ge­win­nungs­an­la­gen an der Möh­ne aus. Die Antrag­stel­le­rin sei für die Trink­was­ser­ge­fähr­dung eben­so wenig ver­ant­wort­lich wie der Betrei­ber der Klär­an­la­ge bei Schar­fen­berg, dem es nicht gelin­ge, mit den vor­han­de­nen Mit­teln die Che­mi­ka­li­en aus dem Was­ser zu ent­fer­nen. Unter die­sen Umstän­den las­se sich die Ver­pflich­tung der Antrag­stel­le­rin auch nicht dar­auf stüt­zen, dass es für die All­ge­mein­heit kos­ten­güns­ti­ger sei, von den Grund­stücks­ei­gen­tü­mern in Schar­fen­berg die vor­zei­ti­ge Sanie­rung der Abwas­ser­lei­tun­gen zu ver­lan­gen, als die Klär­an­la­ge mit den not­wen­di­gen Fil­tern nachzurüsten.

Schließ­lich sei die Sanie­rung der mög­li­cher­wei­se schad­haf­ten Abwas­ser­lei­tun­gen auf dem Grund­stück der Antrag­stel­le­rin und auf ande­ren Grund­stü­cken in Schar­fen­berg auch nicht geeig­net, die gefähr­de­ten öffent­li­chen Inter­es­sen zu schüt­zen. Auch wenn das Ein­drin­gen belas­te­ten Was­sers in die Kana­li­sa­ti­on ver­hin­dert wür­de, wür­de sich das Was­ser ande­re Wege suchen und letzt­lich in den Bächen auf­tre­ten, die unter­halb von Schar­fen­berg in die Möh­ne mün­den. Die der Antrag­stel­le­rin abver­lang­te Maß­nah­me wür­de zwar die PFT-Wer­te in der Klär­an­la­ge redu­zie­ren, die Gewäs­ser­qua­li­tät der Möh­ne jedoch nicht ver­bes­sern. Bei die­ser Sach­la­ge bestehe kein beson­de­res öffent­li­ches Inter­es­se dar­an, die PFT-Belas­tung der Klär­an­la­ge dadurch zu redu­zie­ren, dass das belas­te­te Was­ser nicht mehr durch die Anla­ge, son­dern an ihr vor­bei in öffent­li­che Gewäs­ser fließe.

Ver­wal­tungs­ge­richt Arns­berg, Beschluss vom 10. Mai 2010 – 14 L 219/​10